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MOI TOI
Studio für Sichtbarkeit 

Hier entstehen wahrhaftige Portraits, durch und über Menschen, die mit Ihrer Vision andere bewegen & unterstützen.
Als fotografischer Portraitist stehe ich im Tageslicht Atelier, Studio in Köln & deutschlandweit mobil dafür zur Verfügung.

"Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins"

"Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins"

Ein wirkungsvoller Rückblick, erschienen in der ZEIT.online, welcher unser Bewusst-Sein im neuen Jahr ruhig inspirieren darf. Meines Erachtens ein wunderbares Portrait zu unserer Gesellschaft, die sich im freien Fall befindet.   

" "It's four in the morning, the end of December", so summe ich, das hier schreibend, "I'm writing you now just to see if you're better". Der diese Zeilen dichtete, ist tot: Leonard Cohen, gestorben im Jahr 2016. Oder sollte ich besser sagen: dahingerafft von ebendiesem?

2016 war und ist ein Jahr, das, soweit ich mich erinnern kann, wie keines zuvor personalisiert worden ist: als fies grinsender Barkeeper, der uns die Rechnung auf den Tresen knallt für die glückliche, unbeschwerte Zeit. Für unsere Jugend, in der uns die historisch so seltene Möglichkeit zuteil wurde, leben zu können, als gäbe es kein Morgen. Und doch durften wir uns darauf verlassen, dass wir immer wieder erwachen würden, in eine offene Zukunft hinein. Dass es eben doch weiterging und wir uns den husarenhaften Luxus herausnehmen konnten, vom Frieden gelangweilt zu sein.

Diese dolle Feier ist jetzt ganz plötzlich vorüber, und im aufflackernden Neonlicht zeigt sich, was wir angerichtet haben, die Schäden und Hinterlassenschaften, das Blut, das Sputum, der Dreck, der Ernst des Lebens auf der langsam hellgrau werdenden Straße da draußen, der ganze beschissene Tag danach, wie er gnadenlos anbricht. Wir müssen jetzt zahlen. Dass wir nicht auch noch Trinkgeld geben, ist unser letztes bisschen Stolz. Wir fallen durch die Schwingtür hinaus, das Gesicht nach unten, auf den Bordstein und weinen, theatralisch mit den Schultern bebend, in die Gosse. Und die frühen Tauben rauchen einfach unsere Kippen weiter. 

Ein Jahr als Monster

2016, das Jahr, das böse an sich zu sein scheint, böse wie ein böser Mensch, und dem der ureigene Willen unterstellt wird, Böses zu tun. 2016, ein Jahr als Monster, als Gott, der auf die Erde hinabsteigt und sie zerschlägt wie ein beleidigtes Kind sein Spielzeug. Es klingt wie eine Idee von David Lynch und Werner Herzog für einen Weltuntergangsspielfilm, ersonnen im abgedunkelten Fond einer Limousine, die durch Los Angeles rollte, hervorgegangen aus einem Gespräch über das drohende Erdbeben, das die Stadt auslöscht, The Big One, aber schließlich haben die beiden Apokalyptiker ihr Ansinnen mit einer wegwischenden Handbewegung kurz vorm Aussteigen verworfen, zu bescheuert, zu teuer.

Es kam dann doch heraus, es hat sich selbst verfilmt, als Echtzeitdokumentation. Ja, 2016 hat uns unsere Idole geraubt, schlimm genug, aber das waren ja nur die Tage, an denen sich dieses diffuse Scheißgefühl aus Trauer, Nostalgie und nackter Panik vor der eigenen Vergänglichkeit wenigstens irgendwie entladen konnte: Wir bliesen den Staub von alten Schallplatten und schrieben "Rest In Peace" in unsere Statusmeldung. Dieses 2016 hat auch Kriege und humanitäre Krisen hervorgebracht, irrsinnige Entscheidungen zuungunsten der Weltgesellschaft, es tut es noch, in dieser Stunde, und angesichts dessen wird jede virtuelle Empörung zum ohnmächtigen Gezappel eines Fischs im Netz. Wir müssen endgültig einsehen: Wir sind klein, die Welt ist groß, und wir sind ihr herzlich egal.

Das Jahr ist, bevor es ganz vergangen ist, zu einem Inbegriff des Unheils geworden, ähnlich wie 1984, das George Orwell zur fortlaufenden Dystopie erklärt hat, nur eben mit dem Unterschied, dass 2016 keine Prognose mehr ist, sondern sich tatsächlich vollzieht vor unser aller Augen, live und rund um die Uhr. All das geschieht ja wirklich, nicht bloß in unseren Köpfen, dort hallt es nur wider, immer lauter. Und das ist wohl die zentrale Erkenntnis, die uns dieser Barkeeper von einem Jahr mit seiner von Siegelringen besetzten Faust mitten in die Fresse geprägt hat: Dieser Schmerz ist echt, Freundchen, die Insel der Glückseligen, auf der du Urlaub machst mit diesen lächerlichen Schirmchen im Cocktail, sie wird untergehen, und dann wirst auch du hin sein, irgendwann, bald, sehr bald, du und alle, die du liebst. ..."

Den Rest des Artikels findest du hier

Fotografie von Pol et Simon

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