Essay über das Portrait

 
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"Es gibt eine Menge Menschen, aber noch mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.”

Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke

 
 

"Wer sich sieht, kommt sich selbst näher."  

Dieser Wahrheit ist sich wohl jeder bewusst oder unbewusst. Die Art und Weise auf eine Situation zu reagieren, in der man unumgänglich gesehen wird und sich selbst sieht, ist aus meiner Beobachtung als Portraitist verschiedenster Natur. Die meisten Menschen die zu mir kommen, haben einen sich angeeigneten Selbstschutz mitgebracht, eine Art aufgesetzte, konditionierte Maske. Sie wird im Laufe der Sitzung wahrnehmbar, über den Körper und das Gesicht sichtbarer. Einer meiner Aufgaben sehe ich darin, ihre Bedürfnisse zu lesen, seien sie ausgesprochen oder unausgesprochen. Nur in Resonanz mit dem, was sich gerade zeigt, kann dass dazu gegeben werden, was es bedarf um in Vertrauen und Verbindung im Licht zu stehen. 

 
 

“Wer bin ich jetzt gerade in diesem Moment? Wer war ich zunächst?” 

Über ein Portrait hat die Fotografie die Fähigkeit Antworten fühlbarer werden zu lassen. Wer sich darauf einlässt, dem eröffnet sich die Einmaligkeit der sichtbaren und unsichtbaren Landschaften. Betrachter solch eines Portraits stehen vor ihrer eigenen Quelle an Gefühlen die sie dabei empfinden.

 
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Ein Portrait ist meines Erachtens ein Sichtbar Machen. Ein, in Würde und respektvoll, Spiegel sein. Dem Menschen, dem Lebewesen, der Sache, unterstützend zur Seiten stehen, um seine ganze Kraft, einmalige Schönheit & vollkommene Wirkung in die Welt zu bringen.

 
 

Jedes Mal, wenn ich die Leica M in die Hand nehme, erinnere ich mich daran, den einmaligen Moment der mir gerade geschenkt wird, mit voller Wertschätzung und Hingabe in meiner Berufung zu erfahren. Zu fühlen, der Intuition zu folgen, zu sehen, zu hören, mit aller Aufmerksamkeit & Achtsamkeit die mir gegeben ist.

“Es bedingt nur einen Moment der Entfaltung, um ein Portrait entstehen zu lassen, um ewig zu werden.”